Mittwoch, 7. Dezember 2016

Fortschritt

Der letzte Glaube ist der Fortschrittsglaube. Den will ich euch nehmen.

Die Geschichte des Menschen ist widernatürlich. Der Leib des Menschen steht im freien Widerspruch dazu. Die Widersprüche hab ich erläutert. Der Mensch begreift darum den Widerspruch des Lebens gegen das Sein, weil er diesen Widerspruch leiblich an sich hat. Er ist nicht seelisch-geistig, sondern leiblich ausgeschieden aus den Tierreich. Im Geist ist er seit jeher dem Vieh als sinnvoll grausame Bestie Mensch gleich. DeSades Grausamkeiten hingegen sind sinnlich unsinnig. Jede Maschine, jedes Werkzeug ist ein Versuch, das viehische Sein wieder zu sein, es neu zu erreichen. Vergeblich versucht der Mensch sich dem Tierleib ganz äußerlich wieder anzugleichen. Hierarchisches System und Produktionsmaschinen sind halt nur künstliche Viehereien. Das Tier in uns ist zum Untergang in der Maschinenwelt und so in uns zum Tode verurteilt. Der Tod ist ein starres Bild des Viehs in uns. Fleischmassen aber werden wir alle einst sein und frei von Tier und kaltem Objekt.

Bürgerliches 'Bewusstsein' und 'menschliche Vernunft' und 'freier Wille allgemein' sind der letzte Selbstbetrug und Selbstschutz des siechen Fleisches kurz vor dem viehischen Untergang in die gesunde Übermenschlichkeit.

Das ist der kleinste Widerspruch und so leicht zu begreifen: Freiheit ist auf einen sachlichen Zufall gestellt. Keine Freiheit ohne Zufall in der Welt. Naturgesetzlicher Zwang und Wille sind unvereinbar. Der Widerspruch ist greifbar, der Unsinn nicht. Es gibt keinen freien Willen und der 'Zufall' ist nur einfach unfassbar und die leibliche Einzigartigkeit eines Ereignisses. Der Zufall bringt uns die Zeit durch den Spalt im Raum: mit dem Kind kommt die Seele heraus zwischen Mutters Arsch und Bauch.

Der gesellschaftliche und technische Fortschritt ist so begrenzt und beschränkt wie unser Leben und das der Dinge der Welt.

Nach jeder Krise im Fortgang der Verwandlung unseres Leibes Organe durch Arbeit in geldwerte Waren wurden bisher vom Kapital noch weitere, reichere Lebensquellen und –grundlagen erschlossen oder erobert und auf die davon lebenden menschlichen Fleischvorräte zurückgegriffen. Immer wurde nur eine noch größere Masse dem hierarchischen Fraß der Machinen- und Verwaltungswelt der Reichen unterzogen und der Armut unterworfen. Fortschritt bedeutet notwendig Verarmung zunehmend gewaltigerer Kreise. Die Prister der Kirche des Fortschritts nennen die Massenvergewaltigung 'Steigerung der Produktivkraft der Arbeit'. Immer ‚schöner‘, aufwendiger werden die Objekte des Fortschritts und immer riesiger die Masse des leidenden menschlichen Fleisches. Dem Kapital fehlen aber nach der allerletzten Krise Fleischgrundlage und Quellen des Blutes. Das gibt eine neue Moral, die nicht mehr die blutige Wahrheit jenseits der Grenzen ignorieren kann. Da brechen alle Decken und Böden und Grenzen und der Mensch ist leibfrei. Jetzt muss Mensch Menschen fressen und einen anderen ‚Glauben‘ zeigen. Doch ist da weder wirklich Glaube noch Ideal, wenn die Hierarchie aus dem zerfallenden Apparat sich mit dem menschlichen Leib eint: Leib verschlingt schwächere Leiber und äußert sich endlich vollkommen ungezwungen. Der Wille zur Macht ist die reine Begierde, die entspringt aus der fremden Schwäche und Not. Nicht die Macht an sich macht geil, sondern der Untergang des anderen Leibs. Macht ist der Maschinenanteil, der aus dem Gerät als Treibstoff herausfällt und als Trieb in dem menschlichen Leib ein-. Also freut euch auf den Übermenschen im 'Weltuntergang'. Da bekommt das Beschneidungswerkzeug des Eckzahns endlich seinen auf Gott bezogenen wirklichen ‚Sinn‘. Der überkommene Sinn ist im Bild bei Kafka die rostige Schere daran. Die Zähne reißen am Fleisch und alle Tempel des Lebens, groß und klein, stürzen ein. Nicht grausam, sondern sinnlich und liebenswürdig werden die letzten Menschen im letzten der Kriege sein. Die Not für alle macht am Ende bescheiden, die Befriedigung dazu und dabei aber maßlos glücklich. Menschen werden Menschen fressen und dabei durchaus gelassen bleiben.

Da waren die großen Propheten der Endzeit, Nietzsche und DeSade, die allerfreundlichsten Hilfsbereiten erfüllt durch ihr ganzes Leben von friedlich-mitleidiger Herzlichkeit. Nur sie konnten den Übermenschen sich vorausdenken.

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