Mittwoch, 7. Dezember 2016

Das Eine, das Andere und die Einsamkeit

Groß' Annahmen zum Eigenen und Fremden sind ein Produkt unserer Zeit und betreffen nicht das Kind, sondern den Erwachsenen. Das Eigene und das Fremde sind zwei Sichtweisen des Leibs und treten erstmals nach zigtausend Jahren selbstbewusster Männerherrlichkeit rein menschlich und vollkommen seelenlos gegeneinander an.

Sadismus ist also ein Denken, das auf vergangene Gewaltherrlichkeit der Männer gerichtet ist und Masochismus ist nichts als die gelehrte Rechtfertigung dieses Rücksturzes in eine kriegerische Zeit. Sadismus ist Raub und Aneignung des Fremden und Masochismus schafft die rechtlichen Grundlagen dafür. Das Eine ist also Betrug und das Andere Vertrag und Lüge.

Sadistisch ist nicht das Kind, das erwachsen sein will, sondern der Erwachsene ist es mit seinem kindischen GewaltWunsch der die männliche Linie hinab steigt.

Der Gegensatz von Eigenem und Fremdem ist offensichtlich äußerer gesellschaftlicher Natur und die Verschränkung von Sadismus und Masochismus geht dem Gegensatz als widermenschliche Gewalttat voraus.

Ein-Fühlung ist nicht Bindung, sondern Trennung und erst damit Grund einer Sexualität die auf sich selbst bezogen ist und zum absoluten Eigenen und Fremden wird.

Die Analerotik verbindet das Eine mit dem Andern bei Fehlen der leiblichen Basis. Die Erotik verbindet Mann und Frau nicht, sondern trennt sie. Daraus resultiert dann – von Groß richtig beschrieben – die aktive weibliche und die passive männliche Homosexualität.

Groß vernichtet die Analyse, indem er Mann und Frau (in sich und allen Leibesdingen) gleichberechtigt denkt. Die Abschaffung der Geschlechterhierarchie führt die Begriffe der Analyse zusammen bis zur Verschmelzung in Lächerlichkeit.

Nachdem die Einsamkeit gesetzt ist als ein alles Menschliche konstituierendes Moment, wird automatisch eine homosexuelle Komponente des Lebens- und Sexualtriebs für beide Geschlechter von Groß vollkommen richtig nach ihrer Wirkung erkannt. Die Einsamkeit ist der Löser der Gewalt in der Konsumgesellschaft.

Unter erneuter Einbeziehung der Gewalt fällt die Analyse mit dem ihr gemäßen menschlichen Verhalten aber zurück auf das Patriarchat und stellt eine Beziehung der Geschlechter her, die sowohl unmenschlich falsch ist, als auch verkehrt verstanden wird.

Groß verdichtet, was zeitlich - vor allem allgemein historisch - nicht zusammengehört.

Die Verdichtung führt zum Wahn. Wahn ist ein Text, in dem der Irrtum der genannten Verdichtung im Rahmen unserer gesellschaftlichen Möglichkeiten erklärt wird. Die Erklärungen sind ein medizisches oder philosophisches Wahngebilde und vollkommener Unsinn oder Lüge. Philosophie, Psychiatrie, Analyse, Religion sind in dieser zeitlosen Verdichtung gefangene Lügengebilde, sie sind eine nur im Schmarotzertum oder breit in der Konsumgesellschaft mögliche gelebte Lüge.

Die Erdichtung dessen, was wir Wahnsinn nennen, setzt also voraus:
  • absolute Veräußerung von Gewalt
  • Vereinzelung (Schein der Freiheit)
  • aktive weibliche und passive männliche Homosexualität (urmenschliches Sein)
  • erneute gewaltsam Herstellung des heterosexuellen Kontakts (Fortpflanzung und Erhaltung der äußeren Gewalt, Produktion)

Die Homosexualität ist so wie Groß sie beschreibt 'natürlich' menschlich und verwirklicht sich in gewaltfreier Auflösung der Vereinzelung/Einsamkeit. Die Auflösung erfordert eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Für die Heterosexualität müssen nach Ausschluss der Gewalt Mann und Frau noch Aktiv und Passiv tauschen. Damit löst sich der schriftliche Wahn des gesellschaftlichen Seins auf und wirklich natürlich-menschliches Sein wird möglich.

Natürlich-menschliches Sein erfordert eine von Zwang und Herrschaft, Hierarchie befreite Produktion.

Die Wahn-Produktion ist Wünsche-Produktion. Die zum Urmenschlichen hin wieder befreite Produktion kümmert sich um den Leib und seine Bedüfnisse und Möglichkeiten. Wünsche sind auf das Reich der äußeren Zwänge beschränkt, richten sich aus an Geldnot und Maschinengewalt. Die Möglichkeiten des Leibs aber sind unendlich. Leibliche Geichheit erst macht frei und öffnet den engen blöden Wunschhorizont.

Der Sadismus und der Masochismus bezeugen als lose Momente der menschlichen Sexualität die Sinnlosigkeit der Rückkehr zum viehischen Geschlechter-Verhältnis im Patriarchat. Über- und Unterordnung gehören wesentlich zur sozialen Organisation der Vieh-Herde. Die Zeichenproduktion, die ihren Ausdruck auch findet in der Höhlenmalerei, überschreibt als hierarchisches Prinzip oberflächlich die Beziehung der Menschen und prägt zum Schein wesentlich auch das Verhältnis der Geschlechter. Dem Schein dieser 'Natur' fehlt beim Menschen die Wirklichkeit, die sinnvolle Wirkung. Über- und Unterordnung bringen keinen Überlebensvorteil.

Wenn sich der Produktionsapparat verselbständigt, sind Sadismus und Masochismus nur mehr exotische Rückläufer und spielerischer Verweis auf die 'lebendigere' Vergangenheit. Das ist der wahre Grund des romantischen Traums, den die Klassik im Konsum-Wahn verkennt. Im Konsum-Wahn des Bürgers wird der patriarchale Blödsinn auf die Bühne gestellt scheinbar wirklich. Der Bourgois lebt im Wahn.

Wenn man aus seinem Denken den überlebten hierarchischen Wahn streicht, dann bleiben die von Groß geschilderten freien Persönlichkeiten übrig. Zur Freiheit gehört nun die Gleichgeschlechtlichkeit. Die Unsinnigkeit der 'biologischen Zweckmäßigkeit' verkennt Groß, indem er die Auflösung ins Gleichgeschlechtliche eine Überkompensation nennt. Die Überwindung alter Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse wird so von Groß – ein Zugeständnis an die Lügner und Betrüger Freud Jung und Bleuler – gegen die eigenen Ausführungen zurückgenommen.

Die Einsamkeit bei Groß ist Folge perverser äußerer Machtverhältnisse, die allein Grund des Sadismus und Masochismus sind. Die R Lösung von der Einsamkeit führt nicht zurück in die Beziehungsfalle der ehelichen Nützlichkeit, sondern zur bedingungslosen Hingabe des Einen an den oder das Andere. Unter der ehelichen Beschränkung wird das Ideal menschlicher Beziehung zur exotischen Rückinversion. In Wirklichkeit aber sind alle Menschen leiblich schwach oder einfach und natürlich verwundbar, nackt. Also verlangt die R Lösung gesellschaftliche Verhältnisse, die jedem die bedingungslose Hingabe erlauben. Man soll sich seiner Liebe nicht schämen müssen.

Der Koitus ist eine Störung des unbedingten Gebens und Nehmens und das sich daraus ergebenden Kind bringt einen Rückfall in die Einsamkeit. Die falsche Antwort folgt sofort auf den Rückfall: und bringt die äußere Gewalt in die Beziehung ein, und macht die gemeinsame Einsamkeit der Ehe. Über- und Unterordnung von 1 und 0 ist die kleinste Vergewaltigungseinheit. Im Sexuellen ist Einheit das Gegenteil von Gleichheit: Einheit bedeutet Ehe und Vergewaltigung, Gleichheit aber ist ungebundene regellose Freiheit. Auch die Güter-Produktion ist vom Geldwert befreit natürlich regellos. Die Regellosigkeit ist nicht Chaos, sondern ist wertfreie Ausrichtung des Handelns an den Bedürfnissen des eigenen und fremden Leibes.

Otto Groß war weder ein blöder Analytiker noch gerissener Anarchist. Er war über wunden Zeiten voraus Gezerr Fleisch und R Löser wordener Dank, der nichts kostet außer Wunsch und Wollust, Liebesleid.

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